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Borinage

Borinage

Am Anfang des Films: eine rote Fahne. Es scheint, als rüste sich ein Arbeiter für die Demonstration. Dann setzt der Origninalton ein: das Trampeln von Hufen auf Asphalt; ein Kuhherde überquert die Landstraße und ein Bauer regelt den Verkehr.
Borinage 1988.
Von der klassischen Industrielandschaft im Süden Belgiens ist kaum etwas geblieben. Alle Zechen sind dicht; an den Bergbau erinnern nur noch Abraumhalden, Bergwerksruinen und alte Arbeitersiedlungen.
 
150 Jahre lang wurde dieses Land durchwühlt, ein paar hundert Schächte wurden gegraben. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die belgischen Bergwerksgesellschaften die größten auf dem Kontinent und die Borinage ihr wichtigstes Revier: eine Monokultur der Kohle. Aus halb Europa wurden Arbeiter angeworben, sogar noch in den 50er und 60er Jahren. Heute ist ihre Zeit abgelaufen, in manchen Orten sind 50 Prozent der Einwohner arbeitslos; die Region wurde stillgelegt. Das Kapital fand anderswo rentablere Bedingungen und die Arbeiterbewegung Zuflucht in Kneipen, Gärten und auf dem Sozialamt. Die Borinage - kein Nährboden für postindustrielle Träume.
 
1933 drehten Joris Ivens und Henri Storck gemeinsam einen Dokumentarfilm, der in die Filmgeschichte einging: "Misére au Borinage". In Quaregnon, Bray und Wasmes folgten wir ihren Spuren und begegneten Menschen, die vor allem eines haben: Zeit. Sie haben für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft, für höhere Löhne und zuletzt darum, überhaupt Arbeit zu haben. Wer sie erst einmal verloren hat, kämpft nicht mehr darum, sie wiederzufinden. Ihnen ist das geblieben, was sie außer der Arbeit verbindet: der Spieltisch, das Bier und die stillschweigende Übereinkunft, daß ihnen diese freie Zeit nicht geschenkt wurde.

Borinage
Das verratene Land

1988
Medienwerkstatt Freiburg, BRD 1988, 60 Min.
Regie: Pepe Danquart,
Mirjam Quinte, Helmut Bürgel
Kamera: Mirjam Quinte
Ton/Schnitt: Pepe Danquart